3/08 Raus aus dem Leistungs- und Notendruck
Stimmungsbild unter den „Anwärtern“
von Irmi Prior (aus dem Montessori-Blick 3/2008)
Jedes Jahr finden an unserer Schule Kennenlerntage statt, zuletzt am 6. und 7. Februar 2008. An diesen Tagen bewirten Eltern der Montessori-Schule die Eltern der „Anwärter“ mit Kaffee und Kuchen und stellen sich ihren Fragen. Wir haben uns ein wenig umgehört, aus welchen Gründen sich Eltern für das Montessori-Zentrum Hofheim interessieren. Hier eine – nicht repräsentative – Auflistung:
--- Ich habe mich mit der Montessoripädagogik befasst, Kinder sollen sich frei entwickeln. Der Lehrer soll sich am Kind orientieren, dadurch ist es stressfrei. Gegen das Kind zu fordern, bringt nichts, das zeigt uns unser Sohn.
--- Wir sind mit unserer Schule unzufrieden, es herrscht zu wenig Engagement bei den Lehrern. Eine ganzheitliche Tagesschule ist besser.
--- Durch den starken Druck fällt die Leistung ab. Unser Sohn ist eher ein ruhiger Junge, aber er hat an seiner Schule keine Chance, die Klasse ist zu groß: 27 Kinder. In 2 Wochen wurden 6 Arbeiten geschrieben und dann kam noch das „normale“ Lernen dazu. Auf der anderen Seite fielen von 32 Schulstunden neulich 14 Stunden aus.
--- Unsere Tochter will von sich aus an eine andere Schule; an ihrer Schule geht jeder gegen jeden. Sie hat schon aus Angst die Schule geschwänzt, und wir wurden nicht einmal benachrichtigt: Inzwischen klagt sie über Bauchweh, Halsweh und Kopfweh.
--- Eine Verwandte geht auch auf eine Montessori-Schule. Unsere Tochter war im Waldkindergarten, es missfällt ihr, dass an ihrer Schule die Geschlechter plötzlich getrennt werden, z.B. beim Geburtstag, früher war es gemischt, heute kommen 12 Mädchen. Sie hat eine Lese-Rechtschreibe-Schwäche (LRS) und macht in der Grundschule Tempo-check-Tests, das finde ich unmöglich, au-ßerdem herrscht ein großer Leistungs- und Notendruck. - und das schon in der Grundschule. Sie schreibt sehr viele Tests. Die Lehrer haben wenig pädagogisches Geschick.
--- Uns begeistert das Konzept. Durch meinen Beruf habe ich mich mit schulmedizinischer Psychiatrie und alternativer Pädagogik befasst. Lehrer projizieren häufig eigene Konflikte auf die Kinder und die Schule. Ich habe auch schon in der Montessori-Schule hospitiert, in der Freiarbeit, die Kinder waren toll motiviert und der Umgang miteinander war gut, der Lehrer ist hier ein Partner.
--- Unsere Tochter hat großen Stress durch G8. Die Bücher sind nicht darauf abgestimmt. Sie ist kreativ, malt gern, macht gern Projekte, aber ich muss sie nur noch treiben. Sie hat bis 15 Uhr Unterricht und dann noch viele Hausaufgaben, teilweise sitzen wir bis 20 Uhr. Sie leidet inzwischen schon unter Migräne.
--- Mich haben die jahrgangsgemischten Gruppen überzeugt und das individuelle Lernen. Das Individuum steht im Vordergrund, ich sehe den Frontalunterricht bei uns als Nachteil.
--- An staatlichen Schulen ist kein Lernen möglich. Unsere Tochter ist zur Zeit auf einem Gymnasium. Bei einer LRS braucht sie mehr Zeit, die wird ihr nicht gegönnt. Dort heißt es einfach, Leistung ist Arbeit mal Zeit.
--- Unser Sohn soll die Freude am Lernen nicht verlieren. Noten führen zur „Abblockung“.
--- Unsere Tochter ist auf einer Schule mit einem Montessori-Zweig und trotzdem herrscht da starker Leistungsdruck, und es gibt Noten. An einer richtigen Montessori-Schule wird ein Kind da abgeholt, wo es ist.
--- Unser Kind wird zur Zeit zu wenig gefördert und gefordert. Die Schule ist schlecht organisiert. Es fallen viele Stunden aus. Wir suchen eine individuelle Lernweise, ein anderes Lernen und kleine Klassen.
Meinungen von Schüleranwärter/Innen
Kurzes Befragen direkt nach dem Unterricht:
Wie hat es Dir gefallen?
--- Gut.
--- Es ist anders, nicht laut, man kann ruhig lernen, es wird geflüstert, mir gefällt auch das Duzen der Lehrer und die kleine Gruppe.
--- Besser.
--- Es hat mir ganz gut gefallen, war aber verwirrend, die Stunden sind nicht so klar und die zusammen gemischten Jahrgänge, das ist ungewohnt.
